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  Gemeinsame Projekte

An dieser Stelle möchten wir euch gemeinsam verfasste Werke vorstellen. Wir wurden schon oft gefragt: Wie macht ihr das eigentlich?

Die Art, wie wir Werke gemeinsam verfassen, variiert. An unserem derzeit größten Projekt Der See von Philona arbeiten wir, Florian und Lisa. Wir entwickelten gemeinsam den Plott und die Hintergründe. Wir schrieben Charakterisierungen für unsere Pro- und Antagonisten, skizzierten die Welt in all ihren fantastischen Besonderheiten und malten sogar ein gemeinsames Bild der anderen Welt. Anschließend schrieben wir Kapitel oder auch nur Teile eines Kapitels alleine, die wir dann zusammen überarbeiteten um so eine harmonische Geschichte zu erhalten.

 

Wenn wir, Florian, Lisa und Timo Kurzgeschichten verfassen, ist es häufig so, dass jeder ein paar Sätze schreibt und der nächste dann seine Assoziationen dazu ausformuliert, ohne vorher genau darüber gesprochen zu haben, wie unsere Geschichte enden soll. Selten machen wir uns auch einen Spaß daraus, indem jeder nur einen Satz schreibt und wir wirklich gar nicht darüber reden, was in unserer Geschichte passieren soll (Lustiger Zeitvertreib übrigens). Dies war bei der Kurgeschichte "Bis zum Ende" der Fall, wesewegen diese nicht ganz so Ernst genommen werden sollte.

 

Und nun viel Spaß beim Lesen!

Um weitere Werke zu lesen, einfach nach unten scrollen.

 


Kommentieren und bewerten: Das Fremde von Tonsuri

 


 

Es fing alles damit an, als ich zum Psychologen ging, um mein ausgestorbenes, mit Spinnenweben durchzogenes, ausgeschissenes Gehirn zu säubern. Ich war schon immer ein bisschen gestört, doch solch eine Leere hatte zuvor noch nie in meinem Hirn gewütet, also war es dringend an der Zeit wieder einmal eine Therapie zu beginnen.

            Auf dem Weg dorthin hörte ich ein seltsames Pfeifen, als ob der Wind beim einen Ohr rein und beim anderen wieder rausfegte. Als ich den wohligen Klang meines Innenohrhurricans lauschte, übersah ich einen lustig hervorstehenden, katzenkopfähnlichen Pflasterstein, stolperte, um mich wenige Sekunden später mit den Armen wedelnd in der Luft wieder zu finden und mich mein Gewicht zu guter Letzt vollends niederstreckte. Ich kam auf dem Kopf auf und sah nur noch rot, weil das Blut von einer Platzwunde meine Augen überströmte.

            Super, da war ich auf dem Weg zum Psychotherapeuten und kam mit einem Blutüberströmten Gesicht dort an – besser konnte der Tag ja gar nicht mehr werden.

            Wenigstens hörte das Pfeifen endlich wieder auf, nachdem ich mich auf den Rücken drehte und das Blut nicht mehr über meine Augen, sondern in die Ohren strömte, um den inneren Hohlkörper ein wenig zu befüllen. Der Lebenssaft, eingeschlossen in meinem Schädel, durch leicht angetrocknete, ausgangsverschließende Pfropfen beraubte mich nun gänzlich der Akustik, die meine ansonsten so empfangsbereiten Muscheln der Umwelt entnahmen, so dass ich den herannahenden Zug einfach überhörte.

            Ich war schon mit einem Fuß auf den Schienen und der Zug überfuhr meinen, mit Dornenwarzen übersäten Fuß ab, ich schrie vor Freude. Endlich musste ich diese eklich, harten Warzen an den Füßen nicht mehr ertragen, endlich waren die Viren Schnee von gestern, doch konnte ich mich nicht lange an meinem Sieg über die Dornenwarzen erfreuen, denn mein, vom ständigen Rauchen, dunkles Blut tropfte aus meinen zerfetzen Fuß herab und zischte leise, als es auf die heißen Gleise klatschte. Meine leicht benebelten Sinne waren nicht mehr in der Lage, einen vernünftigen Verband anzulegen und so sah es eher aus, wie der Versuch, einem Jeti die Zehen zu lackieren, da ich verzweifelt versuchte das weiße Fell meiner Jacke zu benutzen, was sich allmählich voll zu saugen begann.

            Nach etlichen Versuchen gab ich auf und krüppelte mit meinem blutigen Stumpf in die Praxis, die sich unmittelbar hinter den Gleisen befand. In der Praxis fragten sie mich: „Was haben Sie gemacht?“

            Ich antwortete gelassen, völlig perplex über den aufgeregten Tonfall der anderen Geisteskranken im Wartesaal: „Was soll ich gemacht haben? Ich war nur auf dem Weg zum Psychiater.“

            Durch den entstehenden Tumult im Wartezimmer angelockt, ließ sich auch gleich die Psychotherapeutin blicken und verabreichte mir einen ganz besonders übel riechenden Tee.

            Sie hatte mehr Kompetenz, als jeder Fachspezifische Mann in ihrem Alter und in ihrer Nähe fühlte ich mich anfangs pudelwohl, jedoch wusste sie nichts von meiner Brennnesselteeallergie und so verstarb ich noch nach wenigen Minuten in ihrer Praxis auf dem samt – roten Teppich, den sie aus Persien hatte einfliegen lassen.

 

 

© 2009, Jan-Peter, Lisa, Florian und Timo

 


 

Rastlose Seele

von Florian und Lisa

 

Der ohrenbetäubende Bass versetze July’s Magen Schläge, die Vibration schien kein Ende zu nehmen. Schrille Lichter jagten durch den Raum und erschwerten ihr die Sicht. Sie kämpfte sich durch die Massen an tanzenden und zuckenden Körpern in Richtung Ausgang. Sie musste einfach hier raus. Zu laut, zu bunt, zu viel Durcheinander. Es war keine gute Idee gewesen hier her zu kommen, vor ihrer Verantwortung zu fliehen. Was hatte sie sich dabei gedacht? Ein großes, breites Etwas stieß ihr in die Seite. Sie schaute nach oben und stellte erleichtert fest, dass es nur ein adipöser Mensch war. Bloß ein Mensch, sagte sie sich in Gedanken, dennoch schien ihr Herz wieder einen Marathon laufen zu wollen. Sie drückte sich an ihm vorbei, sah schon die Öffnung, die sie aus dieser künstlichen Hölle befreien würde, doch dann packte sie die kalte Hand von hinten. Er hatte sie gefunden.

Ein eiskalter Schauer kroch ihr über den Rücken, wie der Nebel aus einem Kühlhaus. Ebenso kalt und unerbittlich blickten ihr zwei dunkle Augen in den Rücken, als besäßen sie die Gabe, July zu versengen.

Die fremde Hand verkrampfte sich, ließ sie nicht mehr los.

Kalte Schweißtropfen bildeten sich rasend schnell auf Ihrer Haut. Sie begann zu zittern. Schon viel zu lange war sie auf der Flucht vor ihren eigenen Taten. Nie hätte sie gedacht, ihrer Vergangenheit so lange entkommen zu können.

Dass sie sich dem Unausweichlichen irgendwann stellen musste war von Anfang an klar, doch sie konnte es nicht, wusste einfach nicht wie.

Immer noch hielt sie das kalte Grauen mit eisernen Fingern, packte nun sogar noch fester, bohrte bereits mit den Fingernägeln in ihrer verblassenden Haut und July sah sich gezwungen, endlich zu reagieren, bevor der Schmerz zu groß wurde.

Sie drehte sich ruckartig um, ihre Hand zur Faust geballt und schlug zu. Erst als sich das helle, rote Blut auf ihrer kalten, immer noch vom Angstschweiß feuchten Hand warm anfühlte, realisierte sie, was sie getan hatte. Was sie wieder getan hatte.

Sie wollte fliehen, versuchte loszurennen, doch überall versperrten ihr die Menschen den Weg. Für einen kurzen Augenblick sah sie die feuerrote Haut, die sie seit Jahren verfolgte. Panisch schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete blickte sie inmitten des blutenden Gesichtes, welches sie zuvor hart getroffen hatte. Sie schrie, doch keiner hörte sie. Viel zu laut dröhnte die Musik.

„July!“, brüllte er sie an. Der Mann rüttelte an ihr, so fest, dass sie beinah das Bewusstsein verlor. Seine schwarzen Haare glänzten im grellen Licht der Discobeleuchtung. „July Baby, bleib bei mir! Nicht schon wieder!“ Die Worte ergaben keinen Sinn, alles ergab keinen Sinn. Ihr Leben war zum Scheitern verurteilt, die dunklen Tage flammten in ihrem Inneren auf, wie ein großes Inferno, das einen ganzen Planeten von jeglichem Leben säubern wollte. Die rote Haut, das blutende Gesicht, der schmerzende Bass, die vielen Lichter. Alles begann sich zu drehen. „Ich kann nicht…“, wisperte July, viel zu leise, als dass irgendjemand es hätte hören können und sackte zusammen, wie eine leblose leere Hülle.

„Warum tust du mir das an? Bleib! Bitte…“

Doch seine Worte trafen nur noch einen schlaffen Körper ohne Geist und Seele. July befand sich weit weg, in einem anderen Raum, einer anderen Zeit, ohne feste Materie. Sie hasste diesen Ort, diesen Zustand und doch kam sie immer wieder hier her, ohne Kontrolle, ohne Einfluss.

Farben und Formen mischten sich um sie herum, bis sie wieder das hell lodernde Feuer sah, das Knacken und Krachen der brennenden Balken hörte und der Schmerz, geboren aus Kummer und Selbstvorwürfen sie überwältigte. Eine Ewigkeit in Traurigkeit und Leid schwebte sie, gleichzeitig wach und doch schlafend, bis sie sich endlich vom Bewusstsein löste und sie von absoluter Leere verschluckt ins Nichts entschwand.

 

Langsam öffnete sie ihre flatternden Augenlider. Sie lag auf etwas weichem, um sie gehüllt ein feiner Stoff, der sie wärmte.

„July?“, hörte sie eine Stimme, wie aus weiter Ferne. „Bist du wach?“

Die Stimme kam näher. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht.“

Nun war sie ein Flüstern an ihrem Ohr. Ein warmer Hauch berührte ihre Muschel und hinterließ ein Kribbeln. Sie erkannte die Stimme, die markante, dennoch einfühlsame tiefe Männerstimme. Es war Roy, ihr Freund, ihr Leben, ihre Zuflucht.

„Was…?“

Ihr Mund war noch nicht in der Lage die Worte zu formen. Das war jedes Mal so, wenn sich ihr Bewusstsein von ihr löste, um in eine andere Welt und Zeit zu entfliehen. Völlig verwirrt wollte sie sich aufrichten, doch Roys starke Hand drückte sie behutsam wieder auf die warme, weiche Couch. Er beugte sich über sie.

„Langsam, ganz ruhig.“

Er küsste sie auf die Stirn. Es fühlte sich an, wie ein heißer Schmerz auf ihrer, vor Angst eiskalten Haut. Sie hasste das. Ein Kuss sollte etwas wunderschönes sein. Ihr war dieses wundervolle Gefühl nicht gegönnt. Mit Recht.

„Es geht schon“, sagte sie und schob Roy langsam von sich runter. Sie setzte sich auf und schlang ihre Arme um ihre Beine, um die Eiseskälte zu vertreiben. Es war hoffnungslos, das wusste sie, da die Kälte von innen kam. Dennoch machte sie es immer so, immer wenn ihr Bewusstsein auf Reisen war und dann wieder in die reale Welt zurückkehrte.

„Was ist passiert?“, fragte sie Roy und schaute ihr mit seinen tiefbraunen Augen liebevoll an. Sofort bildete sich ein Kloß in ihr, völlig unwillkürlich liefen ihr die Tränen an den Wangen herab.

„Ich weiß nicht…“, stammelte sie und wischte sich mit dem Handrücken die salzige Flüssigkeit ab.

„Ich hatte Panik, dann drehte sich alles und ich war weg. Das Feuer, es war wieder da.“

Sie schluchzte.

„Aber ich glaube, es wird besser. Ich wollte einfach nur weg von diesem Ort und dann wurde ich ohnmächtig. Ich habe es diesmal in... in kurzer Zeit geschafft wieder zu fliehen..“

Erneut liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie konnte sie nicht mehr aufhalten, sie heulte los, weinte sich die Seele aus dem Leib. Vor ihrem inneren Auge erschien ein Gesicht, welches sie seit Jahren so sehr vermisste, was sie in den Wahnsinn trieb, denn die Person, der dieses wunderbare Gesicht gehörte, lebte nicht mehr. Und es war ihre Schuld…

 

Kontrolle – ja, wenn sie es wirklich steuern könnte, könnte sie lernen damit umzugehen, aber vergessen würde sie nie. Und ob sie sich jemals vergeben konnte, nachdem sie das Feuerzeug geworfen hatte, das bezweifelte sie. Nie hätte sie gedacht, dass daraufhin jemand das Leben verlieren würde…

Schon gar nicht er.

Und doch hatte sie es getan. Seit diesem Tag erlebte sie jedes Mal, wenn sie von Angst getrieben in Panik geriet, ihre ganz persönliche Hölle. Sie sah das Geschehen immer und immer wieder. Sie hörte wieder die Geräusche, sah die Flammen und sah ihn brennen.

„Was wird besser? Wovor fliehst du? Wann redest du endlich mit mir?“

Mit flehendem Blick und traurigen Augen sah er sie an, wartete dass sie sich ihm anvertrauen, ihm trauen würde – auf dass er ihr helfen konnte – vergeblich.

„Lass mich!“, schleuderte sie ihm entgegen.

Gleichzeitig bereute sie schon die hastig ausgesprochenen Worte. Sie wollte nicht böse klingen, wollte ihn nicht verletzten, wo er ihr doch nur zu helfen versuchte. Doch keine Hilfe würde sie jemals erreichen können. Dort, wo sie sich befand, wenn sie wirklich Hilfe nötig hatte, konnte ihr nie jemand folgen. Sie wusste nicht einmal, ob dieser Ort überhaupt real existierte, ob sie nicht einfach nur wahnsinnig wurde.

Der Druck nahm bereits wieder zu. Niemandem konnte sie sich anvertrauen. Niemand würde sie verstehen. Die Erinnerungen waren immer da. Die Angst vor der Panik war unermesslich, hatte sie schon seit Monaten fest im Würgegriff – und nicht mehr lang, sie würde daran ersticken.

Ob Roy ihr helfen konnte?

Nur realer physischer Schmerz war in der Lage den psychischen zu überlagern, zu verhindern, dass die Panik sie überwältigte, dass es wieder geschah.

Feste kniff sie sich mit den Fingernägeln in die Haut auf den Füßen, wo die neuen zwischen den vielen alten, bereits vorhandenen Narben nicht auffallen würden – und vermutlich nie jemand sehen würde. Seit sie mit Roy zusammen lebte, schlief sie nur noch mit Socken.

„Nein July. Was tust du da? Lass das. Du verletzt dich noch.“

Ihr Freund, dessen Gesicht immer noch eine Spur des geronnenen Blutes zierte, dass sie ihm vor kurzem aus der Nase geschlagen hatte, umfasste sie vorsichtig mit beiden Armen und zog sie sich auf den Schoß.

Sie spürte, was er tat, verlor den Kontakt von ihren Fingern auf den Füßen, von ihrem Geist zum Körper. Für einen Augenblick, nur kurz, eine gefühlte Ewigkeit, gewahrte sie, dass sich jemand wirklich um sie sorgte, dass sie mit ihm reden sollte und wollte. Einige Sekunden wähnte sie sich glücklich, bevor ihr bewusst wurde, dass sie den Schmerz ganz kurz vergessen, einfach ausgeblendet hatte.

Und mit einem Mal kam alles wieder. Die geballten Emotionen, als Resultat ihres Vergehens zwangen sie in die Knie. Nicht ihr Körper, sondern ihre Seele wurde einfach hinfort gespült. Roy spürte nur wie sie in seinen Armen erschlaffte.

„Warum tust du mir das an? Warum?“

Er fasste sie fest unter den Armen, zog sie sich erneut auf den Schoss, nachdem sie ihm abzurutschen drohte, nicht mehr in der Lage war, sich selbst aufrecht zu halten.

„July, ich kann das nicht ertragen. Komm zurück. Ich brauche dich…“

Langsam verlor seine Stimme an Kraft und ein Wimmern war das einzige Geräusch, das blieb.

July verschwand gegen ihren Willen aus der Realität. Sie wurde hinfort gerissen, hin zu der Erinnerung, die sie bis heute nicht losließ.

Vor einem kleinen Lager, kaum mehr als ein alter Schuppen gewahrte sie langsam ihre Umgebung. Diesmal war sie früher gekommen, bevor sie ihren Fehler begangen hatte. Die Qualen waren jedoch nicht geringer, eher größer, da sie nun sich selbst sehen konnte, wie sie ihrem besten Freund – der ihretwegen sein Leben verlor – das Feuerzeug zuwarf, damit er sich die Zigarette anstecken konnte.

Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen, doch sie hatte keinen Körper. Sie war irgendwie nicht richtig anwesend. Sie konnte nicht wegschauen, sah das Gesicht, rot und voller Blasen, sah die Flammen, hörte das Feuer, das Inferno tosen, noch bevor es geschah.

Solche seelischen Schmerzen mussten einen Menschen zerstören. Niemand konnte das auf Dauer ertragen. Trotzdem, oder gerade deswegen stemmte sie sich mit aller Gewalt ihres Willens gegen die Bilder und Geräusche, floh mit ihren Gedanken, ohne den Körper zu bewegen, lief weg und löste sich auf.

 

Erschrocken öffnete sie ihre Augen und blickte in Roy’s Gesicht. Sie war zurück.

„Ich kann das nicht mehr July. Wenn du nicht mit mir redest, dann weiß ich nicht ob ich das noch ertragen kann. Mit dir stimmt doch irgendetwas nicht. Du musst dir endlich helfen lassen.“ In seiner Stimme schwang nicht nur die Sorge um sie mit, sondern auch eine Ungeduld, die sie ihm nicht verübeln konnte.

„Warte“, sagte sie und richtete sich auf. Das Gefühl ihrer kalten Füße auf dem weichen Teppichboden ließ sie kurz innehalten. Sie schloss für einen Moment die Augen und dachte nach. Sollte sie Roy erzählen, warum Andrew sterben musste? Dass sie es gewesen war, die für diese schreckliche Tat verantwortlich war?

Es ergab keinen Sinn. Nichts ergab einen Sinn.

Sie ging in die kleine Küche, holte sich ein Glas aus dem Schrank und befüllte es zur Hälfte mit Wasser. Dann setzte sie es an ihren Lippen und trank. Die kühle Flüssigkeit tat gut. Die Tropfen benetzten ihren Hals, der sich kratzig anfühlte. Von hinten umklammerte jemand ihre Taille. Roy zog July zu sich heran und drehte sie dabei, so dass ihre Nasenspitzen sich fast berührten. Er hatte nicht gewartet.

„Rede mit mir“, flüsterte er in ihr Gesicht und sein warmer Atmen schmiegte sich um sie, wie eine Schutzhülle, die sie vor den schrecklichen Erinnerungen der Vergangenheit bewahren würden.

„Ich habe Andrew getötet.“ Der Satz war ihrem Mund so schnell entwichen, dass sie ihn gar nicht hätte aufhalten können.

„Es war ein Unfall“, antwortete ihr Roy und strich ihr mit der Hand behutsam die strähnigen Haare aus der Stirn.

„Ich habe ihn getötet.“ Die Tränen bahnten sich wieder ihren Weg. Sie blinzelte. „Ich bin Schuld. Niemals hätte ich das verdammte Ding werfen sollen. Trotz meiner Ängste und Befürchtungen habe ich es getan, obwohl ich doch wusste, dass es gefährlich war.“

Roy sah regelrecht schockiert aus. „Wie kannst du dir deswegen Vorwürfe machen? Hör auf damit! Er wollte doch, dass du es ihm zuwirfst.“

July war verzweifelt. Nie würde Roy verstehen, was in ihr vorginge. Wenn dir jemand sagte, du sollest springen, springst du dann?

Nein, July hatte die Wahl gehabt. Und mit dem unguten Gefühl, dass es nicht richtig war, hatte sie sich falsch entschieden. Die Hand, die das Feuerzeug warf, bevor es am Boden zerschellte und explodierte, war die ihre.

Völlig egal, was sie ihm sagen würde, er würde immer versuchen sie von ihrer Unschuld zu überzeugen, allein, weil er eben ihr Freund war. Bloß machte das ihre Unschuld nicht real, nicht realer, als das, was sie erlebte, wenn sie ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren konnte und sie in ein anderes Dasein driftete, das in etwa der Vorstellung einer Hölle für besonders schwere Fälle entsprach.

„Roy?“

„Ja?“ Seine Augen weiteten sich.

„Versprich mir, dass du versuchen wirst, mir zu helfen.“

„Das tue ich doch immer.“

„Dann hör auf mir etwas einreden zu wollen. Das hilft mir nicht.“

July konnte sehen, wie er die Schultern hängen ließ, einen Blick, als müsste er seine rechte Hand einbüßen, doch sie hörte kein Wort von ihm. Statt dessen fühlte sie seine Tränen, wie sie ihr die Haare verklebten, als er seinen Kopf an ihrer Schulter in den Haaren vergrub. 

Bereits seit Wochen fehlte sie in fast jeder Vorlesung. Selbst die Möglichkeit für einen geregelten Tagesablauf rückte seit Tagen immer weiter in die Ferne. Immer häufiger befand sich ihr Geist nicht mehr in ihrem Körper und erlebte dabei Qualen, die von ihrer Intensität nur schwer zu übertreffen waren.

Gab es einen Weg aus dieser Miesere?

Bisher hatte sie immer versucht, sich gegen all die Bilder aus ihrem Geist zu wehren – vergebens. Immer wieder drangen diese in ihr Bewusstsein und rissen sie mit sich fort. Weglaufen war alles was sie bisher getan hatte, fliehen statt kämpfen. Und doch brachen die schrecklichen Momente häufiger, schneller und brutaler auf sie ein, ließen zunehmend seltener auf sich warten und gewährten ihr immer weniger Zeit, Herrin ihrer Sinne zu bleiben.

Wenn es nicht bald nachließe, so würde sie bald unter der Last ihrer Vergangenheit ersticken.

Weiterhin tatenlos zu verharren, wie die Teppichfasern unter ihren Füßen, würde nicht helfen. Ihr Geist würde leiden und vergehen, wie der Teppich, dessen Fasern unter zu großem Druck nieder gerungen und unter Bewegung herausgerissen und verschlissen werden.

Roy hielt sie immer noch in den Armen. Ihre feuchten, salzigen Haare klebten an ihrem Hals, gaben ihr ein seltsames Gefühl – wie das von Stärke?

Wenn ihr Freund weinte, und sie nicht; wenn er trotzdem nicht aufgab, warum sollte sie dann alle Hoffnung fahren lassen?

Es war schon so lange her, dass das erste Lächeln, seit bestimmt zweieinhalb Wochen, mit ihrem kleinen Mund und den inzwischen schon ganz blassen Wangen, unwahrscheinlich unecht wirkte. Kein Wunder, dass Roy fast panisch hoch schreckte und sie beinah fallen gelassen hätte, als er ihre Stimme vernahm, wie sie ihm ihren Entschluss verkündete.

„Ich habe lange genug gelitten.“

Das Funkeln ihrer Augen glitzerte nicht vor Tränen der Traurigkeit, sondern vor Wut und Entschlossenheit, vor angespannter Erwartung.

„Das nächste Mal, werde ich dem allen ein Ende setzen.“

Sie konnte sehen, wie Roy erleichtert die Luft ausstieß.

„Ich werde dir helfen, werde alles für dich tun. Du musst mir nur sagen wie.“

„Das weiß ich selbst noch nicht.“

Sie überlegte und fuhr sich mit den dünnen Händen durch die feuchten Haare.

„Ich muss das nächste Mal, wenn sich mein Bewusstsein von meinem Körper löst, versuchen es zu beeinflussen. Ich muss herausfinden, was mit mir los ist.“

Die Entschlossenheit in ihrer Stimme erschreckte sogar July selbst, gab ihr ein Gefühl, als würde sie neben sich stehen und sich selbst reden hören, als hätte nicht sie, sondern ein imaginärer Zwilling diese Worte ausgesprochen.

„Solltest du nicht vielleicht zu einem Therapeuten oder so etwas gehen?“, fragte Roy.

July schüttelte den Kopf.

„Und was will der mit mir machen? Ich drifte nur ab, wenn ich in Panik gerate, wenn ich an den schrecklichen Unfall denke. Gerade das versucht ein Therapeut doch zu unterbinden, die ständigen Gedanken an schlimme Ereignisse. Aber ich will es ja, ich will wissen, was es zu bedeutet hat, dass ich es immer und immer wieder erlebe, wie wenn ich dabei wäre. Das komische ist ja, dass ich mich selbst sehe, wie ich das Feuerzeug in der Hand halte, mich rufen höre ‚Willst du es wirklich haben?’ und mich sehe, wie ich es mit voller Wucht auf ihn schmeiße. Und dann sehe ich ihn brennen, ich sehe seinen Blick. Ich sehe...“

„July?“ Roy griff nach ihrem Arm, doch vergebens.

So schnell hatte sie noch keine Vision gepackt. Entsetzt riss July die Augen auf und stellte fest, dass sie diesmal früher gekommen war. Zu früh. Es war noch nicht einmal richtig dunkel. Vögel zwitscherten, das Feuer unter dem behelfsmäßig zusammen gezimmerten Grill war noch viel zu hoch, das Fleisch noch eingepackt und erst wenige Bierflaschen geleert. Warum war sie zu diesem Zeitpunkt da? Sie sah Andrew, wie er auf einem Stuhl saß, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein Bier. Er lachte. Seine Augen funkelten im dämmrigen Licht und das Feuer wurde in seinen dunklen Pupillen reflektierte, schön wie ein Regenbogen und lebendig wie ein Fisch im Wasser.

Ein kleines bisschen Freude stieg in ihr auf, als sie ihn so da sitzen sah. Dann sah sie sich selbst. Sie sah, wie sie ihm eindeutige Blicke zu warf, wie sie ihm zuzwinkerte, ihn anlächelte. Erschreckend stellte sie fest, dass diese Blicke für eine Außenstehende Person ganz anders ausgesehen haben mussten.

Oh mein Gott.

Die Erkenntnis traf sie so hart, dass sie geradewegs in die Realität zurück geschleudert wurde.

Sie riss die Augen panisch auf und blickte in Roys Gesicht. Verwirrt sah er sie an.

„Was ist los? Warst du wieder unterwegs?“

Er zog sie zu sich. Sie drückte ihn von sich weg, diesmal etwas fester, so dass er niedergeschlagen nachgab.

„Was ist denn los?“

July legte ihren Kopf in ihre Hände und begann zu schluchzen.

Oh Gott. Fuck.

„July…”

Sie befreite sich aus seiner Umarmung.

„Bitte, lass mich.“

„Was hast du denn auf einmal?“

Die Welt brach für July zusammen, als ihr bewusst wurde, dass sie ihre große Liebe, ihre wahre Liebe für immer verloren hatte – Andrew.

Sie hatte nur Augen für ihn. Dabei war er immer ihr bester Freund. Nie hatte sie es gewagt, ihm auf andere Weise näher zu kommen. Jetzt war es zu spät und sie wollte einfach nur heulen.

Nach dem, was sie eben gesehen, woran sie sich eben erst erinnert hatte, konnte sie sich unmöglich weiter von Roy berühren lassen – nicht jetzt. Und er verstand es einfach nicht. Er wollte sie doch tatsächlich wieder zu sich ziehen.

„Ich habe dir doch versprochen, zu helfen. Dann lass mich auch. Lass uns das gemeinsam durchstehen“, flehte Roy sie an, während er schon wieder nach ihr griff.

Die nassen verklebten Haare lösten sich nur widerwillig von July’s Hals und Nacken, während sie entschieden den Kopf schüttelte und sich eine dicke dunkle Strähne quer über ihr Gesicht legte, dort kleben blieb und dafür sorgte, dass sie sich noch mehr schüttelte und sich dabei Roys Reichweite entzog.

Unbarmherzig zogen Tränen ihre Spuren durch July’s vor Trauer verzerrtes Gesicht. Sie schmeckte das Salz und den Schmerz, der sich durch die Tränen von Ihrem Körper zu lösen versuchte.

Erinnerungen an frühere Tränen, nach dem Tod von Andrew erwachten und zogen an ihrem Geist. Die kühle Feuchtigkeit der Tränen ließ sie auch an Wasser denken, mit dem sie damals das Feuer bekämpft hatte, ohne Erfolg.

Bilder aus dem Chaos des Infernos durchzuckten ihre Gedanken. Es geschah schon fast bewusst, wie sie dieses Mal die Erinnerungen suchte. Roy war nicht mehr wichtig. Es ging um Andrew.

Ihre Sicht verschwamm, ein Wirbel aus Farben und Formen toste für wenige Augenblicke wie ein Orkan durch ihre Sinne, dann war sie fort, dort, wohin sie immer gezogen wurde.

Ein Bild erregte dabei ganz besondere Aufmerksamkeit, der Aufprall des Feuerzeugs. Die Funken flogen wild und das kleine Ding ging in Flammen auf. Die gewaltige Feuerwolke, die die Umgebung daraufhin einhüllte passte nicht in diese Szene.

So, wie sie jetzt das Bild vor sich sah, sich erneut im Augenblick des Geschehens bewegte, konnte sie alles viel genauer sehen, langsamer, wie in Zeitlupe. Und je genauer sie hinsah, desto deutlicher wurde die Sicht, desto langsamer verging die Zeit. Die Funken flogen, wie in Zeitlupe unendlich langsam, nur wenige Zentimeter. Das Feuerzeug barst, Feuerzeugbenzin erreichte die vorauseilenden Funken und wie im Fernsehen, sah sie eine viel zu langsam abgespielte Explosion, die in ihrem Ausmaß niemals großen Schaden hätte anrichten können – niemals jemanden hättet verbrennen können.

Erst die weiter spritzenden, fliegenden Wolken brennenden, flüssigen Gases lösten Bruchteile von Sekunden später eine neue Flammenwolke aus – eine weit größere Explosion.

Nicht die Erinnerung selbst, sondern die Fülle an Details war neu, verwirrte sie.

July konnte nicht glauben, was sie soeben bemerkt hatte. Das Feuerzeug war der Auslöser dessen, was passiert war, aber nicht der alleinige Verursacher. Da war mehr. Langsam überkam July der Schwindel.

Sie wurde in eine andere Zeit geschleudert.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich und drehte sich ruckartig um, auch wenn sie eigentlich nur als Geist anwesend war. Sie blickte in das Gesicht der Person, die eben noch in der realen Welt hinter ihr gestanden hatte.

Wut zeichnete dessen Mimik, die Augenbrauen zu schmalen Schlitzen zusammen gezogen. Es war Roy. Er fluchte leise vor sich hin, July konnte es nicht genau hören. Warum war er nur so wütend? – Sie drehte ihre geistige Hülle, um zu erkunden, wo sie sich befand. Es war der Platz, an dem das Grillen stattfinden sollte, nur zu einer anderen Zeit. Sie grübelte. Wann war Roy hier gewesen?

In der Ferne hörte sie Autos, da dämmerte es ihr.

Auf dem Weg zum Grillplatz hatte July mit Andrew mitfahren wollen. Roy war einverstanden gewesen, hatte gesagt, er würde die Garnituren mitnehmen, dann wäre sowieso nicht mehr viel Platz im Auto gewesen. Doch warum war er so wütend? Sie konnte nirgends die Bänke und Stühle erblicken, stattdessen sah sie Roy, wie er zu der alten Holzhütte stapfte, mit voller Wucht gegen die herumstehenden Kisten trat und laut schrie.

„Verdammte Scheiße!“

Wieder trat er auf die Kisten ein. Sie zerbrachen.

„Scheiße man, sie gehört zu mir. Scheiße!“

Einzelnen Tränen der Wut waren zu sehen, wie sie über seine Wangen kullerten. Am liebsten hätte July ihn getröstet, er tat ihr Leid. Irgendetwas musste ihn so hart getroffen haben und sie war zu unfähig gewesen es an dem Abend zu bemerken. Roy schritt in die Hütte, July folgte ihm schwebend. Alte Kanister stapelten sich in einer Ecke. Sie sah ihn darauf zulaufen, mit Gewalt dagegen treten, weinen und sich die Haare raufen.

„Verdammt, ich liebe sie. Was hat der Kerl was ich nicht habe?“ konnte sie von ihm vernehmen, bevor er sich einen Kanister schnappte, aufdrehte und daran roch.

July wich zurück, wie sie bemerkte, dass Roy den Kanister in der Hütte entleerte und die leere Plastikhülle zur Seite trat.

Bevor sie glaubte, er sei endlich zur Vernunft gekommen, leerte er noch einen zweiten Kanister und schleuderte die Flüssigkeit voller Wut durch den ganzen Verschlag.  Dann erst schien Roy sich zu besinnen, als er einen Moment inne hielt und die nächsten zwei Kanister mit nach draußen zum Parkplatz trug. Jetzt leuchtete es July ein.

Sie erinnerte sich daran, wie sie mit den Anderen zu dem Platz geschlendert kam, mit ihnen lachte und Andrew in die Seite boxte. Sie hatte Roy gesehen, wie er schweißüberströmt auf einem Stuhl gesessen hatte, neben ihm ein Kanister voll Benzin.

„Die hab ich drinnen gefunden. Vielleicht können wir das Benzin für das Feuer gebrauchen.“  Ihr wurde bewusst, warum das Feuerzeug solch eine große Explosion ausgelöst hatte.

Oh mein Gott!

Immernoch in ihrer Version sah sie Roy, wie er die beiden übrigen Kanister vor der Feuerstelle abstelle. Er blieb kurz stehen, wischte sich die Tränen weg, atmete einmal tief durch, ließ einen Kanister stehen und ging mit dem anderen zurück zu der Hütte.

Was hatte er nur getan?

July hätte am liebsten die Augen geschlossen. Es war schon schlimm genug zu hören, wie er wutentbrannt das ganze Gebäude voll schüttete, alles zertrat, was ihm in den Weg kam.

„Sie gehört zu mir!“

Als sie spürte, dass sein Wutanfall endete, blickte sie ihm hinterher, wie er niedergeschlagen zu seinem Auto zurückging, um die Stühle und Bänke zu holen.

Farben und Formen vermischten sich, Schwindel und Übelkeit breiteten sich bei July aus.

Sie wusste, sie reiste zurück. Zurück in die Gegenwart.

 

„Verdammt July, mir reißt der Faden.“

Sie bemerkte wie Roy sie schüttelte. Langsam öffnete sie ihre schweren Augenlider. Vielleicht war alles nur ein Traum, vielleicht wollte ihr Unterbewusstsein nur einen Grund für den Tod ihres besten Freundes suchen. Vielleicht…

„Du warst es…“, stammelte sie.

„Was meinst du?“ Roy blickte ihr in die Augen, strich ihr mit der Hand über die Wange. July nahm seine Hand und führte sie vorsichtig nach unten. „Ich… ich kann das nicht mehr.“

„Was?“ Seine Augen weiteten sich.

„Du warst es… ich kann es nicht glauben… du…“

„July, es war ein Unfall!“ Roy’s Stimme zitterte. „Ich wollte das nicht. Genauso wenig wie du es wolltest!“

„Du hast das ganze Haus mit Benzin überschüttet. Warum? Warum lag überhaupt so viel Benzin in der Holzhütte rum?“

Ganz kurz nur, kaum wahrzunehmen, sah sie seine Gesichtszüge entgleiten. Dann zeigte sich ihr nur eine vor Hass verzogene Fratze.

„Warum? Du fragst mich warum?“ Er ließ mit einem Ruck ihre Hand los und stand auf. „Ich liebe dich! Und was gibst du mir? Nichts, rein gar nichts. Du warst schon immer scharf auf Andrew und das weißt du! Ich bin ausgerastet, das gebe ich zu. Es war keine Absicht. Konnte ich denn wissen, dass er sich in die Hütte stellt und sich eine Zigarette anstecken wollte?“ Er atmete hastig, gestikulierte wild.

„Du hättest es verhindern können, indem du mich gewarnt hättest. Ein Wort von dir und das ganze wäre nicht passiert… warum? Wolltest du ihn tot sehen?“

July wartete auf eine Antwort. – Es kam keine. Sie erwartete auch keine mehr. Sie wusste bereits mehr, als sie zu ertragen glaubte.

Roy schaute betreten zu Boden, wurde bleich im Gesicht, begann zu schluchzen und verlor sich in unartikulierten Lauten, denen kein Sinn mehr beizumessen war. An ein Gespräch war nicht mehr zu denken.

Sie sah ihn noch eine Weile an, wie er sich vor und zurück wiegte. All die Pein, die July viel zu lange mit sich hatte herum tragen müssen, löste sich von ihr, suchte sich eine neue Seele, zu plagen und zu peinigen. Das letzte, was sie sah, bevor sie ihn verließ, waren seine bleichen Hände, wie sie in hilflosen Zuckungen versuchten Halt zu finden.

July würde ihm keinen Halt geben. Sie hatte ihn gerade erst gefunden.

Mit dem Wissen, dass es nicht ihre alleinige Schuld war und dass sie Andrew wirklich geliebt hatte, konnte sie endlich trauern. Noch im Vorgarten bei Roy zu Hause pflückte sie ein paar Blumen.

Zum ersten Mal seit dem Unfall begab sie sich zum örtlichen Friedhof und setzte sich an Andrews Grab.

Einsam lehnte sie sich an den glänzenden Marmor, der so kalt war, wie sie sich leer fühlte.

„Es tut mir so Leid. Ich hätte dich früher besuchen sollen. Ich komme jetzt häufiger. Das verspreche ich dir.“

Dann legte sie ihre Stirn auf die Grabplatte und verharrte dort, bis sie die beißende Kälte der Nacht vor Taubheit und Erschöpfung kaum mehr spürte.

 

Sie schaute auf die Uhr. Es war vier Uhr morgens. Die Feier, auf der ihre Eltern waren, könnte immer noch andauern. Vielleicht war es noch nicht zu spät.

Vermutlich war sie jetzt sogar in der Lage sich ihrer Verantwortung zu stellen...



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